Kastration auf Umwegen

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…oder: Erfahrungen, die man nicht braucht!

Eigentlich sollte Tuja gar nicht kastriert werden. Ich hielt es einfach nicht für nötig, warum einen Hund kastrieren, wenn es nicht sein muss? Allerdings haben sich die Umstände für uns kurzerhand geändert. Kurzfristig zogen wir bei meiner Mutter ein, die noch ein kleines Zimmer für uns hatte.

Nun gut, jetzt stellt sich vielleicht erst mal die Frage, warum kastrieren, nur weil ich zu meiner Mutter gezogen bin? Grund dafür ist Chewbacca. Neufundländer, zu dem Zeitpunkt ca. 10 Jahre alt und ein potenter Rüde. Wie könnte Tuja da läufig werden? Erst haben wir überlegt, ob ich für den Zeitraum in dem Tuja läufig wird, irgendwo anders unter kommen könnte. Aber nach langem hin und her, blieb dann doch nur die Entscheidung der Kastration, die mir doch sehr schwer gefallen ist. Gerade, da ich wusste, was für Nebenwirkungen eine Kastration bergen kann. Ein operativer Eingriff ist immer ein Risiko, außerdem gibt es noch diverse Verhaltensänderungen, die durch das Entfernen bestimmter Hormone zum Vorschein kommen können.

Nichtsdestotrotz blieb uns wohl keine andere Möglichkeit. Aber wir waren uns einig, dass wir eine Klinik suchen wollten, in welcher die Hunde endoskopisch kastriert werden. Was der Unterschied ist? Bei einer normalen Kastration wird ein Bauchschnitt vorgenommen. Durch diesen Schnitt wird die Gebärmutter entfernt. Bei einer endoskopischen Kastration werden zwei bis drei Löcher in die Bauchdecke gemacht, durch welche man mittels Kamera und medizinischer Werkzeuge operieren kann. Bei Tuja zum Beispiel wurden die Eierstöcke und ein Teil der Gebärmutter entfernt, wie mir der Tierarzt im Anschluss berichtete.

Bis ich so eine Klinik allerdings gefunden hatte, musste ich viel telefonieren. Die Kliniken im direkten Umfeld boten das leider nicht an. Mir war es irgendwann schon unangenehm zu fragen, da ich regelmäßig ein „nein, das machen wir leider nicht“ als Antwort bekam. Bis ich endlich eine Klinik fand, die diese Art der Kastration machen. Ich machte gleich einen Termin aus und nahm mir für den Tag frei. Denn Operationen finden nur morgens statt, allerdings solle der Eingriff nicht so lange dauern. Das war gut, denn die Fahrt zu der Klinik war doch etwas länger.

Also machten sich mein Bruder, ich und Tuja früh am Morgen auf den Weg in die Klinik. Der Fahrtweg sollte zwei Stunden dauern. Gut, dass ich nicht allein fahren musste. Kurz bevor wir bei der Klinik waren, machten wir noch einen kurzen Halt für ein Frühstück, denn wir waren noch früh dran. Tuja musste allerdings nüchtern bleiben, deshalb ist sie aus Fairness auch im Auto geblieben (wäre ja sonst gemein, wenn wir ihr was vor essen und sie nur zugucken darf).

Die Klinik haben wir recht schnell gefunden, ich füllte das Anmeldeformular aus und dann ging es auch schon rein zum Tierarzt. Er erzählte uns, wie die Operation abläuft und, dass der Eingriff ca. eine halbe Stunde dauert. Danach kommt sie in den Aufwachraum und die ganze Zeit bleibt jemand bei ihr. Dann hielt er mir die Hand hin, als würde er meine Hand schütteln wollen. Ich war etwas verwirrt und er sagte mir „Die Leine bitte“. Verdutzt gab ich ihm die Leine in die Hand. Er begründete es damit, dass ich nicht mit in den Narkoseraum könne, das würde nur stören.  In dem Moment wusste ich gar nicht wie mir geschah. Mir wird jetzt noch schlecht, wenn ich daran denke. Warum habe ich das getan? Ich kam mir vor wie ein Roboter, der nur noch handelt und nicht denkt. Vor der Tür war ich vollkommen fertig und musste doch tatsächlich erstmal weinen. Ich wollte umdrehen und sie wiederholen, aber irgendwas sagte in mir, dass die Kastration doch stattfinden muss, es ist eine einfache Operation, sie hat danach nicht so viel Probleme und Schmerzen und wir sind doch jetzt schon so lange gefahren. Im Nachhinein hätte ich mich selbst allerdings ohrfeigen können. Mein armer kleiner Hund! Bis dahin war Tuja allerdings völlig unbedarft und freute sich über jeden Menschen. Sie ging ohne Probleme mit dem Tierarzt mit. Sie wohnte zu dem Zeitpunkt auch noch nicht allzu lange bei mir. Ich machte mir allerdings trotzdem so viele Gedanken, ich dachte daran, dass es ein totaler Vertrauensbruch sein muss. Und noch heute denke ich mir, warum habe ich das gemacht und warum habe ich sie nicht einfach wieder mitgenommen?

Jetzt war es so und ich riss mich wieder zusammen. Die Tierarzthelferin sagte uns, dass wir gegen Mittag mal anrufen sollten, ob sie soweit ist. Da wir um 9 Uhr da waren und der Eingriff ja nur eine halbe Stunde dauern sollte, überlegten wir uns, wie wir uns die Zeit vertreiben könnten. Und ablenken von den Gedanken, das wäre auch nicht schlecht. Wir haben ein bisschen recherchiert und herausgefunden, dass in der Nähe ein Zoo ist. Kurzerhand sind wir noch ein Stück weiter gefahren und verbrachten den Vormittag im Zoo. Langsam beruhigten sich auch meine Gedanken wieder etwas. Vor allem, als es dann Richtung Mittag ging und ich wusste, gleich würde ich meine Kleine wieder sehen. Aus Erfahrungen mit den Operationen von Chewy (und er hatte sehr, sehr viele in verschiedenen Kliniken) wusste ich, dass ich dann nach der OP zu ihr gehen sollte, damit sie beim Aufwachen eine vertraute Person in der Nähe hat und keine Angst haben braucht. Das ist für Hund und Halter besser. Aber da es vor der Operation schon anders als gewohnt war, hätte ich mir denken können, dass es jetzt auch nicht einfacher werden würde.

Wir kamen wieder bei der Klinik an, gingen rein und informierten uns über den Stand der Dinge. Uns wurde gesagt, dass sie die OP gut überstanden hat und im Aufwachraum liegt. Ich teilte mit, dass ich zu ihr wollte. Die Tierarzthelferin sagte mir höflich, dass das eigentlich nicht möglich ist, aber sie würde mit dem Arzt sprechen. Kurzerhand kam dieser um die Ecke und sagte mir, dass das nicht geht, ich würde die anderen Hunde stören. Ich bat ihn darum, dass ich bitte unbedingt zu ihr möchte, wie ich es bei Chewy auch immer getan habe. Er beharrte auf seiner Meinung. Er begründete sie nicht mal weiter. Warum würde ich die anderen Hunde stören? Ich durfte nicht mal einen kurzen Blick hineinwerfen. Nein, das ginge nicht. Das ist einfach so und basta! (OT Tierarzt). Ich kam mir vor wie ein kleines Kind. Die Situation machte mich ziemlich fertig. Nebenbei wurde uns gesagt, wir können sie frühestens um 19 Uhr abholen. Bitte??

Um mich zu beruhigen gingen wir raus zum Auto. Ich musste erstmal telefonieren. Ich rief meine Mama auf der Arbeit an, die war auch total sauer nach der Story und meinte: „Schade, dass ich nicht dabei bin, ich hätte sie da schon rausgeholt“. Ich telefonierte weiter, um zu wissen, wie das rechtlich gesehen ist. Dürfen die mir den Hund einfach vorenthalten? Eigentlich ist er doch mein „Eigentum“? Natürlich dürfen sie mir wahrscheinlich verwehren, die Räume zu betreten, da es deren Grund und Boden ist. Aber etwas, das „mir gehört“ dürfen sie doch nicht einfach behalten, wenn ich es anders will? Ich war total durcheinander. Meine Mutter sagte, wir sollten beharrlich sein und Präsenz zeigen. Uns nicht so leicht abwimmeln lassen. Daher entschieden wir uns, uns einfach ins Wartezimmer zu setzen. Wir gingen zur Tür und sie war zu! Kurz nachdem wir draußen waren, haben sie die Tür zugeschlossen…. Mittagspause! Na klasse. Und jetzt?

Der Tierarzt, der sein Auto ein paar Meter neben unserem geparkt hatte, war ganz schnell weg. Einige Tierarzthelferinnen verließen ebenfalls die Klinik und fuhren davon. Es war nur noch ein Auto da und eine einzige Tierarzthelferin, die hinter dem Tresen saß und dann in einen Raum nach hinten verschwand, der wie ein Personalraum aussah. Ich erinnerte mich an das Statement: „Sie wird nicht allein sein, es wird jederzeit jemand bei ihr sein, damit sie beim Aufwachen beobachtet wird.“ Das solle angeblich bei jedem Tier so sein. Eine Tierarzthelferin… nicht beim Hund. Merkt ihr was? Außerdem, wenn da noch mehr Hunde sein sollten, die ich angeblich gestört hätte. Wurden die auch nicht bewacht? Fragen über Fragen. Wir blieben trotzdem da. Die Zeit verstrich langsam. Und ich machte mir immer Sorgen. Wir wussten gar nicht, was wir in der Zeit machen sollten. Weg wollte ich da nicht mehr. Irgendwann ging plötzlich die Tür auf. Das wunderte mich, da wir kein Auto kommen sehen haben. Es war die Tierarzthelferin, die während der Mittagspause da geblieben war. Sie sagte uns (es war ca. gegen 15 Uhr), wir können den Hund jetzt mitnehmen, der Arzt hat es erlaubt. Der Arzt? Wo war er denn? Wir haben sein Auto nicht gesehen und er ist auch nicht da reingegangen, wo er raus gekommen ist. Komisch.
Ich sollte zu ihm in den Behandlungsraum, er erzählte mir noch etwas zum Ablauf der OP und worauf ich achten muss. Ich war total sauer, versuchte mich aber zusammenzureißen. Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass der Tierarzt das merkte, aber er schaute mich nicht an, blickte mir kein einziges Mal in die Augen und hielt das Gespräch sehr kurz. Darüber war ich aber sehr froh, ich wollte schnell meinen Hund wieder haben. Ich bezahlte am Tresen und kurze Zeit später kam Tuja durch eine Tür gedackelt. Sie wirkte noch etwas benommen, konnte aber schon wieder allein laufen und freute sich, uns zu sehen. Und da war es wie gesagt 15 Uhr und nicht 19 Uhr.

Schnell nahmen wir sie mit, ich hob sie ins Auto in ihr gemütliches Bettchen und dann ging es los nach Hause. Für mich stand fest – in die Klinik fahre ich nie wieder.

Medizinisch war es top, Tuja ist zu Hause schon wieder recht fit rumgelaufen und am nächsten Tag war ihr kaum noch was anzumerken. Nach dem Eingriff hatte sie also wenig Probleme. Es blieben auch keine sichtbaren Narben zurück. Zumindest auf dem Bauch.

Leider ist ihr Verhalten seitdem schon etwas verändert… sie hat schneller Angst und ist auch sehr nachtragend. Anfangs knurrte sie jeden Mann an, der dem Tierarzt ähnlich sah und hatte teilweise Panik. Mittlerweile ist sie immer noch skeptisch, und zwar solchen Menschen gegenüber, die sie scheinbar nicht richtig zuordnen kann. Menschen mit Hut oder Kappe sind teilweise gruselig oder Menschen, die ein für sie komisches Gangbild haben. Aber da arbeiten wir dran und ich nehme sie so wie sie ist. Sie ist mein bester, kleiner Hund <3

2 Kommentare

  1. Oh Mann, das klingt ja gar nicht gut… 🙁
    Danke für Deinen Bericht. Mich würde jetzt allerdings doch mal interessieren, wo das war.
    Einfach nur, damit man nicht auch selbst mal in die Falle tappt.
    Ansonsten ist denke ich dies tatsächlich die schonendste Möglichkeit der Kastration.
    Ich drücke die Daumen, dass Deine süße Kleene die schlechte Erfahrung bald vergisst.
    Liebe Grüße, Silke

    1. Hallo Silke, ich schreibe dir dazu mal, möchte ungern Namen veröffentlichen, nicht dass es deswegen noch Probleme gibt.
      Ja, das war echt nicht schön 🙁
      Leider ist Tuja absolut nicht vergesslich, egal ob positiv oder negativ, sie merkt sich alles, auch was schon ein halbes Jahr her ist. Da hat sie ein gutes Gedächtnis.
      Liebe Grüße, Taira

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