Die Geschichte wie Shiva zu uns kam

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Auf den Hund gekommen…

In meiner Kindheit waren wir sehr oft im Café Ponderosa – es gehört der Cousine meiner Mutter. Es lag etwas abseits in der kleinen Stadt Lügde, in der wir wohnen. Die Cousine meiner Mutter wohnte auch dort und hielt neben dem Café einige Tiere. Es war dort immer wie auf einem kleinen Bauernhof. Es gab Pferde, Ponies, Kaninchen, Meerschweinchen, Ziegen und sogar Eichhörnchen. Und es gab dort eine Bernhardinerhündin.

An einem schönen sonnigen Tag im Sommer 2000, ich war acht Jahre alt, stand ich also mit einer Freundin am Gatter, hinter welchem die Tiere frei liefen. Wir standen dort aus einem bestimmten Grund. Neben der Bernhardinerhündin liefen dort vier (von ursprünglich acht) schwarze Welpen, alle mit einem weißen Brustfleck, herum. Wir standen also dort und sagten nur: „Ohhhh, wie süüüüüß!“. Ich war mir sicher, dass meine Eltern nein sagen würden, aber ich dachte mir, es kann ja nicht schaden, sie einfach mal zu fragen. Denn für mich stand fest: Ich will einen Hund!

Dazu ist auch zu sagen, dass wir vor einiger Zeit schon einmal versucht haben, uns einen Hund anzuschaffen. Wir hatten bereits Körbchen, Leine, Halsband und alles, was man so braucht zu Hause. Die Hündin, ein Mischling aus Collie und Husky, war trächtig von einem Border Collie. Wir haben uns schon sehr gefreut. Für meine Mutter wäre das nach langer Zeit wieder ein eigener Hund gewesen, bevor sie mich und meinen Bruder bekommen hat, hat sie immer Schäferhunde gehabt. Doch dann hat es das Schicksal wohl anders mit uns gemeint. Die Hündin war nur scheinträchtig und es sind also keine Welpen entstanden. Von da an war das Thema für uns eigentlich erstmal abgehakt.

So kommen wir zu dem besagten Tag, an welchem ich mit meiner Freundin an dem Gatter stand und mit den kleinen schwarzen Teddybären liebäugelte. Ich fing gleich vor Ort schon an, von den Welpen zu schwärmen und meine Mutter war, für mich überraschenderweise, auch gar nicht abgeneigt. Sie kannte sogar die Besitzerin des Vaters der Welpen, der Vater war ein Neufundländer. Meine Mutter sagte also nur: „Wir müssen erst mit Papa reden“. Da habe ich mir aber immer noch keine großen Hoffnungen gemacht, da mein Vater eigentlich nicht wirklich dafür war. Er hatte in seinem Leben bisher noch kein einziges Haustier.

Nachdem wir die Welpen noch eine Weile beobachtet hatten, fuhren wir irgendwann wieder nach Hause. Es dauerte einen Moment, bis mein Vater von der Arbeit kam. Meine Mutter meinte gleich zu mir, dass sie das Thema ansprechen würde. So langsam hatte ich Hoffnungen. Sie fiel nicht gleich mit der Tür ins Haus, erzählte sachlich von den Welpen. Auch die Tage danach redeten wir immer wieder darüber. Irgendwann, und ich war wirklich überrascht, hatten wir meinen Vater soweit, dass er zustimmte! Natürlich unter ein paar Bedingungen. Der Hund darf weder ins Bett, noch auf das Sofa. Die oberste Etage (zu den Schlafzimmern) ist also tabu. Im Auto muss der Hund im Kofferraum so angeleint sein, dass er nicht mit der Schnauze an das Fenster kommen kann, damit diese auch sauber bleiben. Diese und bestimmt noch mehr Regeln, an die ich mich nicht mehr erinnere, hat er aufgestellt. Letztendlich ist es allerdings nur dabei geblieben, dass der Hund nicht in die oberste Etage und nicht ins Bett durfte.

Dann war es soweit, dass wir uns einen der Welpen aussuchen durften. Wir haben uns bereits im Voraus Gedanken über den Namen gemacht. Wäre es ein Rüde, würde er Benji heißen, wäre es eine Hündin, würde sie Shiva heißen. Meine Mutter und ich waren uns einig. Als wir dann bei den Hunden angekommen waren, stellte sich heraus, dass die beiden Rüden schon vergeben waren. Leo zog nach Bad Salzuflen und Bendix nach Rischenau. Es waren also nur noch die beiden Hündinnen frei. Eine Hündin saß sehr entspannt da und ließ sich durch nichts aus der Ruhe bringen. Die andere war frech. Sehr frech. Ich hockte mich hin und das erste was sie tat, war auf meinen Schoß zu springen und in meine Schuhe zu beißen. Für mich stand fest: „Die hat sich mich ausgesucht!“

Meine Mutter war mit mir einer Meinung. Entgegen aller Tipps, wie man sich einen Welpen aussucht (bloß nicht den Hund, der direkt zu einem kommt und ja nicht mit der Begründung, dass der Hund sich den Menschen ausgesucht hat), haben wir entschieden: Die Frechste, das ist unsere Shiva. Leider mussten wir noch eine Weile warten, bis wir sie abholen konnten.

Einen Tag bevor wir Shiva holen konnten, hatten wir ein Fest mit Kartoffelbraten in unserer Nachbarschaft, bei welcher meine damalige Schulklasse aus der Grundschule dabei war. Ich weiß es noch genau, weil ich an dem Tag ungünstig gefallen war und mir das Knie blutig aufgeschürft hatte. Mir bleibt ein Satz noch heute im Gedächtnis, den meine Freundin zu mir gesagt hat, um mich zu trösten: „Denk nur dran, wer morgen zu euch kommt!“. In dem Moment war alles nur noch halb so schlimm.

Endlich war der Tag gekommen. Der Tag, an den ich mich immer erinnern werde. Er wird immer etwas besonderes sein. Wir konnten Shiva zu uns nach Hause holen. Es konnte mir gar nicht schnell genug gehen. Als wir da waren, lief ich schnurstracks zu den Welpen. Die andere Hündin, getauft Doro, hatte nun auch einen Besitzer gefunden. Sie durfte zu meinem Patenonkel nach Bad Pyrmont ziehen. Ich wurde also zu den Welpen hereingelassen und konnte Shiva gleich das kleine blaue Halsband umlegen, was ich natürlich mitgebracht habe. Ich klinkte die ebenfalls blaue Leine in das Halsband und war überglücklich. Während meine Mutter noch mit ihrer Cousine sprach, durfte ich mit Shiva schon Richtung Auto gehen. Mir wurde noch gesagt, dass ich immer dahin gehen sollte, wo Shiva hin wollte. Im Grunde genommen bin ich ihr also immer gefolgt. Es war mir alles recht, dieses besondere Erlebnis konnte mir keiner mehr nehmen und ich war gefühlt das glücklichste Kind auf Erden.

Obwohl die Welpenzeit ja immer sehr schnell vorbei geht, habe ich sie sehr genossen. Ich unternahm mit Shiva kleine Spaziergänge, spielte und kuschelte immer wieder mit ihr. Sie war schon von Beginn an sehr verschmust. Meine Mutter hatte die weniger schönen Seiten auf sich nehmen müssen, wie zum Beispiel das Beibringen der Stubenreinheit. Nach zwei Wochen auf dem Sofa schlafen hat es meine Mutter geschafft und Shiva wusste, dass man seine Geschäfte nur draußen erledigen darf. Shiva schon da immer den Kontakt gesucht. Sie durfte zwar nicht auf das Sofa, aber lag immer auf dem Boden neben dem Sofa.

Durch Shiva stellte sich dann auch die Frage – Hundeplatz oder nicht? Meine Mutter hatte sich aufgrund einiger schlechter Erfahrungen mit ihren Schäferhunden dazu entschieden, nie wieder auch nur einen Fuß auf einen Hundeplatz zu setzen. Doch da hat sie wohl falsch gedacht. Wir bekamen die Empfehlung, doch mal nach Reher zu gehen. Dort auf dem Hundeplatz war die Ortsgruppe Bad Pyrmont/Reher des DRC Soltau aktiv. Einmal nur vorbeigeschaut, schon war Shiva in der Welpengruppe. Und mit ihr ihre drei Geschwister. Die schwarze Bande hatte die ganze Gruppe voll im Griff. Sie haben sich zusammengetan und haben ach so toll gespielt. Heutzutage würde man das wohl nicht mehr spielen nennen. Aber zu der Zeit herrschten dort noch einige andere Trainingsmethoden. Neben den anderen Welpen hatten die Geschwister aber auch die Trainerin im Griff. Mit vollem Anlauf, alle vier nebeneinander, rannten sie der Trainerin in die Kniekehlen, sodass sie den Halt verlor. Die vier Schwarzen wussten schon früh, wie sie ihren Körper am besten einsetzen können.

Nicht nur die vier Welpen, auch der Vater der Welpen, der Neufundländer Nemo, war mit seinem Frauchen auf dem Hundeplatz. Der Zweithund von seinem Frauchen, ein Jack Russell Terrier-Mischling namens Idefix, war auch immer mit dabei. Dank ihm habe ich später auch zum Agility gefunden, da ich mit ihm immer trainieren durfte. Schon damals war ich jedes Wochenende dabei, wenn meine Mutter mit Shiva trainierte und ich dann mit später mit Idefix.

Shiva mit einem Jahr, ich war da neun Jahre alt.

Frech, frecher, Shiva.

So wie wir uns Shiva ausgesucht haben, genauso ist sie auch aufgewachsen. Ein freches, lebhaftes Hundemädchen. Jeder Spaziergang endete entweder in einer Pfütze oder einer Schlammgrube. Dabei reichte es allerdings nicht, sich einfach nur hineinzustellen. Auch hineinlegen reichte nicht. Nein, man musste sich gleich darin rollen und wälzen, damit man auch ja über und über mit Schlamm, Dreck und gerne auch mal Kuhmist, bedeckt ist. Liebevoll gemeint erhielt sie später genau deswegen den Namen „Schlammpi“.

So liebte sie auch die Kuhtränke mitten auf der Kuhwiese, die an unserem Waldweg liegt, den wir täglich gehen. Wie gerne rannte sie dort hinunter und schmiss sich in die Tränke (zum Glück nur, wenn keine Kühe auf der Wiese waren). Genauso gerne wie sie dort hinein springen wollte, wollten wir es verhindern, dass sie dies tut. Wir waren sehr stolz, als wir schon an der Stelle vorbei waren, an welcher sie immer hinunter rannte. Da ließ sie sich unbemerkt ganz langsam zurückfallen. Schritt für Schritt ging sie langsamer. Als hätte sie sehr konzentriert aufgepasst, dass wir ja nichts mitbekommen. Genug Abstand und schwups, düste sie wieder hinunter zu dem Wasserbecken. Was haben wir uns wieder geärgert und was haben wir auch gelacht, weil sie uns so gut im Griff hatte.

Obwohl sie draußen jedes Dreck- und Wasserloch mitnehmen musste, war sie zu Hause doch sehr, sehr lieb. Dann war sie ein Vorzeigehund. Sie hat nie irgendetwas angestellt, nichts kaputt gemacht, nichts geklaut. Man konnte ihr etwas zu Essen vor die Pfoten stellen und aus dem Raum gehen, sie hat es nicht mal gewagt, es auch nur anzuschauen. Wir konnten uns immer auf sie verlassen. Das Kommando „nein“ hatte sie also sehr gut verstanden. Aber auch wenn man nichts sagte, ist sie nirgends dran gegangen.

Es war auch immer sehr toll, wenn meine Mutter mich und meinen Bruder von der Schule abgeholt hat. Wir gingen damals zur Grundschule, welche in der gleichen Straße liegt, in welcher wir wohnen. Der Fußweg war also nicht sehr lang. Nach kurzer Zeit kannte die ganze Lügder Grundschule unsere Shiva. Von Beginn an war meine Mutter oft mit Shiva an der Grundschule, auch in den großen Pausen, hauptsächlich, um ihr Kinder näher zu bringen. So wusste ich schon, dass sie da ist, bevor ich auch nur meinen Klassenraum verlassen hatte. Da kamen mir schon die ersten Mitschüler aufgeregt entgegengerannt und riefen nur: „Shiva ist da, Shiva ist da! Komm, schnell!“. Shiva war das Highlight schlechthin.

Außerdem war Shiva das perfekte Fotomodel. Sie hat alles mitgemacht, hat sich anziehen und dekorieren lassen mit Jacke, Schuhen, Halstuch, Haarklammern und alles, was meiner Meinung nach noch schick aussah. Dann konnte man sie in irgendeine Pose stellen und sie ist stehen geblieben. Hat man eine Pfote irgendwo drauf gelegt, hat sie sie drauf gelassen. Hat man ihr einen Strauß Blumen in die Schnauze gesteckt, hat sie so lange damit gewartet, bis man fertig war. Sie hat wirklich alles mitgemacht.

Das Training auf dem Hundeplatz war nicht immer sehr nett. Die rauen und veralteten Methoden, die damals noch herrschten, haben Shiva gar nicht gepasst. Druck und Zwang brachten sie nur dazu, sich dagegen zu wehren und allem anderen gegenüber zu versperren. Meine Mutter merkte schnell, dass das nicht richtig sein kann. Es musste etwas anderes geben. Zum Glück kam dann bald eine Trainerin auf den Platz, die frischen Wind hereinbrachte. Bei ihr machten wir einen Workshop für das Clickertraining mit. Meine Mutter mit Shiva und ich mit einer Border Collie Hündin von ihr. Wir stellten dabei fest, wie toll es doch klappt, wenn die Hunde aus eigener Motivation, aus eigenem Antrieb heraus lernen, wenn sie es wollen. Denn dafür gibt es ja etwas Tolles! Die Hunde verhielten sich gleich ganz anders. Sie waren offener, lebendiger und freuten sich viel mehr auf das Training. Das Clickertraining war unsere neue Methode, sozusagen eine Wende in unserer Hundeerziehung. Neben dem Clickertraining brachte die Trainerin auch das Agility in den Verein. Dies war der Punkt, an welchem ich meinen Hundesport entdeckte.

Trotz Clickertraining merkte meine Mutter schnell, dass ein Neufundländer-Mischling etwas vollkommen anderes ist, als ein Schäferhund. Ein Neufundländer-Mischling und vor allem eine Shiva, kann etwas vier Wochen lang super, ja, sie konnte es wirklich in und auswendig. Aber in der fünften Woche dann, da war wieder alles vergessen. Als hätte man einen Reset-Knopf gedrückt. Da begann das ganze Training dann wieder von vorn. Shiva kostete also einige Nerven, aber das hat man ihr nie wirklich übel genommen. Es wurde uns doch immer wieder bewusst, dass sie das Beste war, was uns passieren konnte.

Jedoch hat das Clickertraining dazu geführt, dass Shiva ihre Begleithundeprüfung mit Bravour bestanden hat. Sie saß vorbildlich neben ihrem Frauchen. Ging sehr aufmerksam im Fuß und passte bei jeder Wende und bei jedem Sitz richtig gut auf. Auch ohne Leine gar kein Problem. Das Platz konnte sie auch richtig gut, auf Kommando Platz hat sie sich regelrecht auf den Boden geschmissen. Normalerweise. In der Prüfung dann, bei der Übung „Platz aus der Bewegung“, sah es dann doch etwas anders aus. Nicht so, wie es im Training einstudiert wurde. Sie ging richtig schön Fuß, bekam Hör- und Sichtzeichen „Platz“ und meine Mutter ging weiter. Ja, den Vorderkörper hat sie auch wirklich auf den Boden geschmissen. Das war es dann aber auch. Der Hintern blieb weiter in der Luft und die Rute wedelte fröhlich hin und her. Frech wie sie war, schaute sie genauso fröhlich Richtung Frauchen, als wollte sie sagen: „Mache ich das nicht toll?“. Es sah zu lustig aus – auf jeden Fall hatten alle ihren Spaß.

Shiva hat mich also seit meinem achten Lebensjahr begleitet. Sie war für mich der erste Hund und auch etwas ganz besonderes. Vierzehn Jahre war sie Teil meines Lebens. Sie hat bis zum Schluss gekämpft, bis es wirklich nicht mehr ging. Wir hatten viele, viele schöne Jahre miteinander und ich denke gern an die schönen Zeiten mit ihr zurück. Sie fehlt hier sehr.

Shiva ist und bleibt unvergessen….

18.07.2000 – 15.09.2014

 

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